Psychiater

* 14.01.1886 in Schwientochlowitz
† 02.06.1945 in Landesheilanstalt
Königslutter (Suizid)

vor 1945 Mitarbeiter im T4 Programm
(Arzt in Königslutter und seit 1935 ärztliches Mitglied des Erbgesundheitsgerichts Braunschweig.
Ab 1940 für die „Reichsarbeitsgemeinschaft“ in Berlin tätig und als „T4-Gutachter“ in Neuerkerode gefürchtet. Er bewirbt sich – erfolglos – um die Stelle des Direktors in Königslutter und weist dabei auf seine Bedeutung als „alter Nationalsozialist“ hin.)

Müller war am
28.7.1941 in Auschwitz an der Selektion von 575 Kranken beteiligt, das sind 4,9% der damals etwa 13 000 Häftlinge.

Am 29. Mai 1945 wurde Dr. Müller von der alliierten Militärbehörde verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis verbracht. Dort machte Dr. Müller einen Selbstmordversuch, wurde aber in seine alte Arbeitsstätte, die Landesheilanstalt verbracht.
Er verstirbt (durch Suizid) am 02.06.1945 auf der „Station 10“ der „Heil- und Pflegeanstalt“ Königslutter.

Nationalsozialismus und ev. Kirche in und um Königslutter
Dr. Robert Müller, der seit 1930 in Königslutter tätig war, früh dem Stahlhelm angehörte und 1928 in die NSDAP eingetreten war. Er wurde im November 1940 nach Berlin in die sog. T 4 Zentrale berufen, die die Beseitigung von schwachsinnigen, behinderten Deutschen organisieren sollte. Das Ideal des Deutschen war der blonde, junge, gesunde, stahlharte, wehrwillige Mann. Was von diesem Ideal abwich, musste sich erklären. Wer unheilbar anders war, behindert, undeutsch, schwul, hatte kaum eine Chance. Dr. Müller hatte sich früh mit diesem rassebiologischen Thema befasst und bekam nun Gelegenheit, diese Theorien in die Praxis umzusetzen. So besucht er mit anderen Ärzten der Euthanasiezentrale im März 1941 die Heil-Anstalt Andernach. Dort mußte Platz geschaffen werden für andere Patienten. Es wurden 416 Patienten ausgesucht, die später in 5 Transporten fortgeschafft und in der Anstalt Hadamar am selben Tag, dem 23. April 1941, durch Gas getötet wurden.
Um Versuche an kranken KZ Häftlingen vorzunehmen, besuchte ein Ärzteteam, darunter auch Dr. Müller, im Frühjahr 1941 verschiedene Konzentrationslager, Sachsenhausen und Dachau. Bei diesen Fahrten lernte er auch den Obermedizinalrat Dr. Otto Mauthe kennen, der u.a. für die Kindereuthanasie in Süddeutschland zuständig war und im Württembergischen Innenministerium als „Berichterstatter für das Irrenwesen im Württembergischen“ arbeitete. Als solcher hat er Kranke für die Gaskammer selektiert und eine Vergasung besichtigt.
Am 28. Juli 1941 war Dr. Müller in Auschwitz, um das Lager von Ungesunden und Schwachen zu „reinigen“. Den Häftlingen wurde vorgegaukelt, sie kämen in ein Sanatorium, daraufhin stellten sich auch viele Gesunde krank. 575 Häftlinge wurden in die Heil- und Tötungsanstalt Sonnenstein verbracht und dort umgebracht.
Dr. Müller konnte auch von der „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ in Berlin aus den Abtransport von altersbedingt schwachen Menschen befehlen und tat dies auch am 29. Mai 1941, wo er den Abtransport von drei alten Männern aus der Anstalt Tempelhof in Württemberg veranlaßte. Dr. Müller stand mit zahlreichen anderen Ärzten auf der Einladungsliste der 3. Arbeitstagung in der militärärztlichen Akademie in Berlin, in der am 24. März 1943 über eine besonders grausame Versuchsreihe mit Gift an Häftlingen referiert wurde.
Mit diesen Erfahrungen kam Dr. Müller im September 1943 nach Königslutter zurück, wo er seine Wohnung behalten und 1940 erneut geheiratet hatte. Auch seine Frau arbeitete in den Heil- und Pflegeanstalten. Dr. Müller übernahm die Männerabteilung, sein Nachfolger im Amt ab 1940 Dr. Barnstorff die Frauenabteilung.

Auch in den Heil- und Pflegeanstalten kommt es zu erklärungsbedürftigen An- und Abtransporten. Am 19. Mai 1941 werden mit dem
Transport Liste 82 a 70 Pfleglinge aus Königslutter nach Bernburg an der Saale transportiert. Davon sind im nächsten Monat bereits 35 tot.
Am 11. Februar 1945 wurde in Neu Erkerode ein Transport von 163 Männern nach Königslutter von Dr. Müller selber zusammengestellt, die Patienten in einen Bus mit Anhänger dicht bedrängt verladen, und in der Heil und Pflegestätte beginnt Tag für Tag ein Sterben, bis zum 11. März, also innerhalb eines Monates, 36 Personen, bis zum Einmarsch der Amerikaner am 13.4.1945 nochmal 20 Personen.
Quelle: Dietrich Kuessner